Hell ist die Nacht

In St. Petersburg lässt die Sonne im Sommer die Tage nicht enden. Eine Spritzfahrt durch die Nacht.

Wenn es losgeht, weht der Wind leiser, das Licht wird wärmer, der Himmel hellblau, manchmal orange. Wenn es losgeht, wird es vor den Fenstern unruhig, die Stimmen werden lauter, mehr, und Lachen dringt herein, wie man es den ganzen Winter über nicht gehört hat. In den Parks ist keine Bank mehr zu bekommen, und an der schmalen Uferpromenade weicht man Spaziergängern aus, bis in den Morgen.

Oder ist es vielleicht noch Abend? Es ist ganz gleich, denn plötzlich sieht die Nacht aus wie der schönste Tag. Alles ist anders, wenn sie anfangen, die Weißen Nächte von St. Petersburg. Sechs Wochen steht die Sonne über der Stadt, Tag und Nacht, und es ist, als würde die Millionenstadt aus einem tiefen Schlaf erwachen. Nachtruhe? Arbeit? Wer braucht das schon. Der Sommer ist kurz, und in St. Petersburg ist der Teufel los.

Die Jugend sonnt sich im Abendlicht, während sie in der Einlassschlange wartet. Bis zum Ende der Straße reicht sie, links ist der Kanal, rechts stehen verbeulte Ladas. Die Mode ist westlich, die Autos noch nicht. Um 22 Uhr beginnt der Abend. Mit einem Fläschchen Cognac geht es auf St. Petersburgs Sommerspielwiese: Neu-Holland, eine der 44 Inseln der Stadt, vor einigen Jahren restauriert und neu eröffnet.

Einst baute Peter I., Gründer der Stadt, hier eine Flotte nach dem Vorbild Europas. Heute gibt es im Inneren Kunst, Kultur und Lehnstühle. Unter freiem Himmel spielt die Musik, und im Lagerfeuer verbrennen knisternd die Pappbecher. „Wir haben die ganze Nacht Zeit“, sagt der blonde Andrej, der im Klappstuhl lümmelt. „Und zu treffen, zu feiern – dazu sind die Weißen Nächte da.“

Hell ist die Nacht

St. Petersburg in der Nacht könnte das hippe Berlin am frühen Abend sein. Wäre da nicht die Kulisse. Klassizismus, so weit das Auge reicht. Am Wasser entlang ist es nicht weit zum historischen Zentrum. Es geht vorbei an curryfarbenen Altbauten und barocken Balkonen, es ist 23 Uhr, und die Sonne denkt nicht daran, unterzugehen.

Man spaziert über Schlaglöcher und watet durch Regenpfützen, steht plötzlich neben dem Mariinskij-Theater, in dessen Konzertsälen sich die Ballerinas verbeugen. Die „Stars der Weißen Nächte“ treten jeden Sommer dort auf. Der gemeine Petersburger sieht davon wenig: Einlass wird nur dem gewährt, der eine bis zu 6000 Rubel teure Karte besitzt. Ein halbes Monatsgehalt, besonders in Postkrisenzeiten. Und die durchlebt die Stadt fast immer, sei es Finanzkrise, Zerfall der Sowjetunion oder das Ende des Zarenreichs. 310 Jahre wird St. Petersburg bald alt. Wo heute die zweitgrößte Stadt Russlands steht, war einst nichts als Sumpf. Das Wasser ist noch allgegenwärtig, überall sind Kanäle und Brücken. Die „Kussbrücke“, unweit des Mariinskij, ist eher ein Brückchen. Angeblich verabschiedeten sich die Matrosen dort von ihren Frauen. Noch heute wird geküsst – besonders in den Weißen Nächten. Eng umschlungen stehen die Romantiker an der Brüstung. Am Straßenrand sitzen Kunststudenten und zeichnen die Szenerie. „Warum ich die Weißen Nächte liebe?“, sagt Nastja und zieht einen Strich Aquarell. „Das Licht ist gut.“

Der Newskij-Prospekt ist brechend voll, und auf dem Schlossplatz vor der Eremitage posieren Peter I. und seine Frau Jekaterina für die Touristen. „Die Menschen sind in den Weißen Nächten plötzlich viel freundlicher“, sagt die Stadtführerin. Bald wird es Mitternacht, Inline-Skater drehen auf dem Platz ihre Runden.

Ein Lampion verglüht

Und jetzt sind wir endlich an der Newa. Im Winter fast zugefroren; verlassen, weil es an ihren Ufern von allen Seiten zieht. Doch in den Weißen Nächten ist hier das pralle Leben. In der Nähe des Winterpalasts tanzen Paare jeden Alters Salsa, auf den Treppenstufen zum Wasser liegen Rosenblüten und Konfetti. Eine Hochzeitsgesellschaft ist gerade abgezogen, die nächste kann nicht weit sein. Auf das Jawort folgt in St. Petersburg immer eine Stadtrundfahrt – man liebt eben nicht nur einander, sondern auch die Heimat. Hin und wieder fliegt von irgendwo ein Lampion in die Luft. Schnell ein Wunsch erdacht, dann verglüht er über den Dächern.

Der helle Himmel trügt. Die Metro ist längst geschlossen, und wer auf der falschen Seite der Stadt steht, kommt bald nicht mehr hinüber. Um kurz nach ein Uhr werden die Brücken über die Newa hochgezogen. Für die Petersburger ist dies der wichtigste Moment jeder Weißen Nacht.

Die Brücke hebt sich

Den schönsten Blick hat man vom Wasser aus. Vor dem Winterpalast brummen die Motoren der Boote. Eine Decke gibt es für jeden Mitreisenden, manchmal Tee. Dann gleiten die Ausflugsschiffe fast gleichzeitig in die Flussmitte. Da teilt sich vor den Augen die erste Brücke, langsam, gemächlich, bis beide Teile senkrecht in die Höhe ragen. Dann, in der Ferne, die zweite. 13 Brücken öffnen sich jede Nacht in der Stadt, um die Schiffe aus der Nordsee passieren zu lassen. Langsam schaukelt das Boot die Newa entlang, links und rechts sieht man nichts als Schlösser und Paläste. Ein Horizont aus Dächern, alle beinahe gleich hoch, denn kein Gebäude darf zwanzig Meter überragen. Eine Kurve, und der Fluss wird zum Kanal, der das Zentrum durchfließt. Ein Uhr ist lange vorbei und noch immer ist der Himmel hell.

Es ist zwei Uhr, als das Schiff anlegt. Am Ufer hat sich das Publikum zerstreut. Die Petersburger schlendern nach Hause oder haben sich in einer der Bars im Zentrum verkrochen. Noch Kraft für einen allerletzten Ausflug? Die Isaaks-Kathedrale, die größte der mehr als hundert Kirchen in St. Petersburg, hat im Sommer bis in die frühen Morgenstunden geöffnet. 262 Treppenstufen winden sich den Turm hinauf – dann steht man unter der goldenen Kuppel. Unten die Dächer, Fontänen, Kanäle der Stadt. Ein paar Fußgänger ziehen noch vorbei. Es ist Morgen.

“Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind“, schrieb Dostojewskij in seinem Roman „Weiße Nächte“. „Der Himmel war so voller Sterne und Helligkeit, dass man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen musste: Können denn wirklich unter einem solchen Himmel allerlei ärgerliche, launische Menschen leben?“ Nein, können sie nicht. Zumindest nicht heute. Und nicht in St. Petersburg.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung