Ferien mit Schuss

Im Westjordanland bieten israelische Soldaten ein Anti-Terror-Training an, Schießübungen inklusive. Ein Grenzfall des Tourismus im Selbstversuch.

Ich ziehe heute in den Krieg. Er kostet 110 Dollar und ist nur mit dem Auto zu erreichen; vorbei an Olivenhainen und trockener Hügellandschaft; vorbei am Checkpoint, an der Siedlung Efrat; dann eine Abzweigung ins Nirgendwo. Ein Tor, das sich öffnet; dann sind es nur noch wenige hundert Meter. Ich bin im Westjordanland, einem von Israel besetzten Gebiet, und eigentlich ist hier immer irgendwie Krieg. Wir halten am Ende der asphaltierten Straße. Hier beginnt mein Einsatz.

Dieser Komplex, abseits gelegen wie militärisches Sperrgebiet, nennt sich „Caliber 3“. Was wie ein Computerspiel klingt, ist eine Mischung aus Freizeitpark und Krisengebiet. Israelische Soldaten bringen den Besuchern hier etwas bei, das man wohl in keinem anderen Staat besser lernen kann: die Jagd auf Terroristen. Genauer gesagt: den richtigen Schusswechsel mit einem Terroristen. Das ist das Standardprogramm. Wie man Geiseln befreit und sich im Häuserkampf verhält, kostet extra.

Frauen mit Flipflops, Männer mit ergrautem Haar

Ich habe noch nie eine Waffe in Händen gehalten. Und abgesehen von Attrappen in Actionfilmen habe ich auch noch keine Waffe gesehen. Bis ich in Israel landete. Hier sind Gewehre im Stadtbild so präsent wie die Landesflagge: Sie sind überall. Jeder jüdische Schulabgänger, ob männlich oder weiblich, muss zum Militär. Ausnahmen gibt es nur wenige. Wer streng religiös ist, darf zwar verweigern, aber auch das soll sich bald ändern.

Karte / Westjordanland
© F.A.Z. 

Waffen machen mir Angst. Doch in Wahrheit fürchte ich mich genauso vor mir selbst. Was, wenn mir das Schießen am Ende sogar Spaß macht? Ich werde zu meiner Einheit geführt, einer Touristengruppe aus Kanada und England. Vorbei an Schießständen, an denen Männer stehen, die aussehen wie die nahöstliche Version von Bruce Willis. Plötzlich knallt es neben mir, ich zucke zusammen. Dann noch einmal. Ich würde mich am liebsten ducken. „Du wirst dich dran gewöhnen“, sagt einer der Soldaten zu mir. „Es ist wie Fallschirmspringen. Nach dem ersten Sprung wirst du es immer wieder tun wollen.“

Mein Ausbilder heißt Steve. Er braucht 3,5 Sekunden, um sich die Schuhe anzuziehen, und zwei Sekunden, um ein Magazin zu wechseln. Er weiß das so genau, weil „jede Sekunde ein Menschenleben kosten kann“. Steve kommt eigentlich aus Südafrika und ist Mitglied einer israelischen Anti-Terror-Einheit. Nebenbei trainiert er Menschen wie mich. Und knapp zwei Dutzend Kanadier und Briten: Frauen mit Flipflops und pinkfarbenem Lippenstift, Männer mit ergrautem Haar und Wohlstandsbauch. Einige machen nervöse Witze – „den Terroristen werden wir es zeigen“ -, andere hängen an Steves Lippen. Wie Kinder, die gleich etwas Verbotenes tun werden und ihre Angst mit Coolness überspielen.

Bei jedem Treffer johlt das Team

Doch bevor wir eine Waffe berühren dürfen, müssen wir noch viel lernen. Zum Beispiel die richtige Körperspannung. In Viererreihen stellen wir uns auf. „Body!“, schreit Steve, und fünfzehn Mann hüpfen in die Position, die er uns kurz zuvor gezeigt hat. Ein Ausfallschritt, die Knie gebeugt, den Rücken durchgedrückt. Die Arme erhoben, als würden wir mit einem Gewehr zielen. Und natürlich müssen wir dabei ebenfalls brüllen.

Wir sollen ausatmen, vier Sekunden lang, und wenn keine Luft mehr in unseren Lungen ist, sei das der richtige Moment zum Schießen. „Weil ihr dann statisch seid“, erklärt Steve. „Weil ihr ruhig werdet, so ruhig, dass ihr euren Herzschlag hört.“

27544615
Was vom Nahkampf übrig bleibt: Patronenhülsen                                © Rico Grimm 

Die Touristengruppe lässt sich bereitwillig drillen. Auf Steves Kommando rennen und dribbeln sie, verharren in der „Body“-Position und schreien, was die leeren Lungen hergeben. Zum letzten Mal habe ich in der zwölften Klasse beim Sportunterricht Befehle empfangen. Ich fühle mich nicht wie ein Elitekämpfer, sondern wie ein Hampelmann. Unten im Tal ruft der Muezzin.

Dann, endlich, geht es ans Schießen. Die Gruppe reiht sich ein, kaum zehn Meter entfernt hängen Zielscheiben. Der Erste in der Schlange bekommt eine M16 in die Hand gedrückt; Steve steht direkt daneben und überwacht, dass der Lauf nur auf den imaginären Terroristen vor uns gerichtet ist. „Mach ihn kalt!“, ruft Steve. Dann der Schuss. Er klingt wie ein Knallfrosch, aber ich spüre ihn in der Magengegend. Später wird die Gruppe geteilt und muss gegeneinander schießen; dieses Mal auf bunte Ballons. Wer zuerst mit dem Gewehr alle Luftballons zerschossen hat, gewinnt. Bei jedem Treffer johlt das Team. Einer macht Handyfotos.

Aussprechen möchte man es nicht

Gegründet wurde „Caliber 3“ von Sharon Gat, einem Offizier der israelischen Armee. Einem Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt, gebräunter Haut und Augen in der Farbe seiner Army-Kluft. Gat hat sich das alles vor zwölf Jahren ausgedacht: das Schießen und das Rennen, die Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse. Bis zu 700 Touristen, sagt er, nähmen im Monat an den Lehrgängen teil. In Israel, sagt Gat, gebe es zwei erfolgreiche Berufsfelder: die Hightech-Industrie und die Armee. „Wer nach Italien fährt, muss dort natürlich eine Pizza probieren“, sagt Gat. Hier das beste Anti-Terror-Training der Welt. Und das ist nicht nur Elitekämpfern vorbehalten: Viele einfache Angestellte müssen einen solchen Kurs durchlaufen. Vor jedem öffentlichen Gebäude, sei es ein Ministerium oder ein Einkaufszentrum, steht ein Sicherheitsbeamter. In jeder Straßenbahn fahren Polizisten in Zivil mit. Keine zehn Jahre ist das Ende der Zweiten Intifada her. Damals starben mehr als 500 Israelis durch Selbstmordanschläge, mehr als 3000 wurden verletzt. Diese Erfahrung hat sich tief ins Bewusstsein des Landes eingegraben. Der Alltag kehrte schnell wieder ein, aber er wird seither begleitet von einer unterschwelligen Angst; der Furcht, vom Tod überrascht werden zu können. Wie begegnet man diesem Gefühl?

Man postiert Wachleute. Wählt die politische Rechte, die mit Sicherheitspolitik Stimmung macht. Und trägt Waffen. „Wenn ich in Europa bin und keine Pistole tragen darf, fehlt etwas“, sagt Sharon Gat.

In diesem Europa lebe ich; in Deutschland, das im Umkreis von 1000 Kilometern mit jedem Land Freund ist. Ich frage eine Touristin, die mit mir an dem Kurs teilnimmt. Roberta trägt Cargohose und einen strengen Pferdeschwanz, sie lacht viel. „Man muss lernen, wie man sich selbst verteidigt“, sagt Roberta. „Wenn du einem Terroristen begegnest, wird er nicht zögern, seine Waffe auf dich zu richten.“ Ob sie Angst habe, Opfer eines Anschlags zu werden? „Es gibt auf dieser Welt auch böse Menschen“, antwortet Roberta ernst. „Aber natürlich macht das hier auch Spaß“, fügt sie hinzu. Nach zwei Stunden Training glaube ich: Bei diesem sogenannten Anti-Terror-Training geht es nur um den Spaß, aber aussprechen möchte man es nicht. Nicht Roberta und auch Sharon Gat nicht. Natürlich wissen sie, dass Waffen töten und dass es zumindest fragwürdig ist, ihren Gebrauch unterhaltsam zu finden.

„Das reicht“, sage ich

Aber in Israel wirkt diese Angst weniger absurd. Denn hier gibt es sie wirklich: die Terroristen, die Bomben, die Gefahr. Sie sind in den Köpfen der Israelis – von Sharon Gat, von Steve -, und die geben den Touristen für einige Stunden etwas davon ab. Ein Alibi, eine Ausrede, um zu ballern.

Ich warte, bis die Gruppe weg ist, bevor ich selbst ein Gewehr in die Hand nehme. Ich möchte nicht, dass sie mich sehen, möchte nicht angefeuert werden. Steve stellt für mich ein neues Ziel auf: Auf einem Holzpflock klebt ein Foto von einem arabisch aussehenden Mann, der einem anderen die Kehle durchschneiden will. Darauf soll ich nun schießen; am besten genau zwischen die Schlüsselbeine. So paralysiert man einen Terroristen, habe ich zuvor gelernt. Steve bringt mich in Position; meine Beine stehen nicht weit genug auseinander. „Nimm die Waffe.“ Sie ist leichter, als ich dachte, das Metall ist noch ganz warm. Ich presse den Kolben an meine Schulter, halte den Kopf schief, so dass meine Wange die Waffe berührt. „Siehst du den orangefarbenen Punkt?“, fragt Steve. Ich schaue durch das Visier. Der Punkt: Er fixiert das Gesicht des vermeintlichen Terroristen. Ich höre mein Herz schlagen, aber ruhig bin ich nicht. Ich ziele nur auf ein Foto, aber es zeigt einen Menschen. Und ich soll ihn töten. Es kostet Überwindung, abzudrücken. Die Figur vor mir zuckt.

„Hervorragend!“, ruft Steve. Ich schieße ein zweites Mal. „Sehr gut! Komm, noch mal!“ Ich drücke ein drittes Mal ab. Ich zittere am ganzen Körper. „Willst du mehr?“, fragt Steve. Ich will nicht. Will aufhören, solange mich innerlich etwas hält. Solange es keinen Spaß macht. „Das reicht“, sage ich zu Steve. Ich habe das Magazin nicht einmal halbleer geschossen. Steve sieht mich enttäuscht an.

 

Fotos: Rico Grimm

Kategorien:Reports