Erschöpfte Gewinner

Polen hat in den Pisa-Tests Spitzenplätze erreicht. Doch die Bildungsrevolution hat einen hohen Preis.

Manchmal entstammen Matheaufgaben dem Leben. Und manchmal dem Gewächshaus.

„Ein Gärtner hat eine bestimmte Anzahl von Pflanzen. Er möchte sie so pflanzen, dass es genauso viele Reihen gibt wie Pflanzen pro Reihe.“ So beginnt eine Aufgabe, die der Lehrer Andrzej Koszewski an diesem Donnerstagmorgen in der neunten Klasse verteilt. Das Ziel der Übung erschließt sich nicht sofort: Viel Text, aber nicht einmal der Ansatz eines Lösungsweges. Die Schüler schauen ratlos auf das Papier. „Es ist ganz einfach“, sagt Koszewski ermutigend. „Ihr müsst nur überlegen, was gesucht wird.“

15 oder 16 Jahre sind die Schüler alt, die Jungs tragen Sweatjacken, die Mädchen Röhrenjeans. Kein Alter, in dem man Mathematik besonders gerne mag. Trotzdem sind die Teenager in Mathe spitze. Die viertbesten Schüler der EU, um genau zu sein. Denn sie besuchen die 112. Schule in Warschau, Polen. Gleichzeitig stehen sie ziemlich unter Druck. Auch das liegt daran, dass sie die 112. Schule in Warschau besuchen.

„Positiver Pisa-Schock“

Kaum ein anderes Land hat sein Pisa-Ergebnis in den vergangenen Jahren so deutlich verbessert wie Polen. Lagen die polnischen Schüler beim ersten Pisa-Test 2000 noch unter dem Durchschnitt, erreichten sie 2012 in vielen Disziplinen Spitzenplätze. Beim Lesen und in den Naturwissenschaften schaffte es Polen unter den EU-Ländern auf Platz drei, im Fach Mathematik auf Platz vier – vor Deutschland. Der Erfolg hat selbst polnische Medien und Experten überrascht: Zeitungen schrieben vom „positiven Pisa-Schock“.

Tatsächlich hat das Land 15 Jahre lang auf den Pisa-Erfolg gewartet. Er ist das Ergebnis einer pädagogischen Umwälzung, an deren Sinn lange nur Ministerialbeamte glaubten.

Das alte Bildungssystem hatte das Ende der Sowjetunion überlebt, es war autoritär und verkrustet. Viele Schüler entschieden sich nach der achtjährigen Grundschule für eine berufliche Ausbildung, die Akademikerquote betrug nicht einmal zehn Prozent. Gleichzeitig verlangte die Wirtschaft im neuen System nach Fachkräften.

1998 präsentierte das polnische Bildungsministerium deshalb einen Plan, der das Bildungsniveau nachhaltig erhöhen sollte. Kern der Reform waren eine Verkürzung der Grundschulzeit auf sechs Jahre und eine neue Schulform: das Gymnasium für Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren. Zuvor waren Schüler direkt von der Grundschule auf das sogenannte Lyzeum gegangen und hatten dort ihr Abitur gemacht. Zusätzlich wurden mehr als 6.000 neue Schulen gegründet, um die Zahl der Schüler pro Klasse zu senken. Für viele Lehrer begann eine Zeit des Umbruchs. Jahrzehntelang hatten sie unbehelligt den immer selben Lehrplan befolgt, ohne ihre Methoden oder den Stoff zu verändern. Noch 1989 hatte jeder zweite polnische Lehrer nicht einmal einen Uni-Abschluss gehabt. Durch die Reform mussten sich die Lehrer nicht nur weiterbilden, sondern umdenken. So wie Andrzej Koszewski.

52 Jahre ist er alt, seine Haare sind im Schuldienst grau geworden, und wie ein Lehrer richtig Mathe unterrichtet, das glaubte er lange zu wissen: eine Gleichung vorsetzen oder zumindest den Rechenweg vorgeben. Matheaufgaben aus dem Gewächshaus? Nie im Leben! Doch seit der Reform müssen die Schüler in Polen nun Probleme lösen, die vor allem das Verständnis fördern. Und nicht nur der Lehrinhalt hat sich während Koszewskis Berufslaufbahn verändert – auch die Schüler sind andere. Vor der Reform unterrichtete der Mathematiklehrer nur Kinder bis zum Alter von elf oder zwölf Jahren. Nun bringt Koszewski Gymnasiasten Algebra und Geometrie nahe. „Es hat sich einfach alles verändert.“ Koszewski seufzt.

Die 112. Schule, an der Koszewski lehrt, war vor der Reform eine Grundschule. Als sie am 1. September 1999 wieder eröffnete, hatte sich auf den ersten Blick wenig geändert: Das Gebäude war noch dasselbe, die Lehrer waren ebenfalls geblieben. Nur mussten diese plötzlich mit Teenagern klarkommen und Stoff vermitteln, den sie seit dem Studium nicht mehr genutzt hatten. Um dieses Wissen aufzuholen, besuchte Koszewski einen speziellen Kurs: „Mathe für die neue Schulform“.

Dafür verbrachte er mehr als ein Jahr lang jedes zweite Wochenende in einem Bildungszentrum. In dieser Zeit wiederholte Andrzej Koszewski nicht nur Schulstoff, sondern lernte auch neue pädagogische Ansätze. Etwa, dass jeder Schüler individuell gefördert werden muss. Ein Gedanke, der in der konformistischen sowjetischen Schule keinen Platz gehabt hatte. Bis zu 30 Fortbildungen haben manche Lehrer in Polen seit der Reform belegt. Die ständige Weiterbildung ist explizites Ziel der Reform: Ein Prozent ihres Lehrgehälter-Budgets dürfen die Lokalverwaltungen für Workshops ausgeben.

Heute bemüht sich Koszewski nicht nur darum, die Aufgaben praktisch zu gestalten. Er passt sie auch an den Lernstand der Schüler an: Wer Schwächen hat, muss nicht mehr dasselbe rechnen wie die Einser-Kandidaten. Seit einer zweiten Bildungsreform im Jahr 2009 haben die Lehrer solche Freiheiten. Damals wurde nicht nur das Curriculum entrümpelt, sondern auch umformuliert. Nun definiert es nur noch Lernziele – wie die Lehrer sie erreichen, ist ihnen freigestellt. Viele nutzen die neu erlernten Methoden und Freiheiten für Blockunterricht und Projektarbeit: Überall im Schulhaus sind Plakate und Poster aufgehängt, die in Gruppenarbeit entstanden sind. Auch das wäre vor der Reform undenkbar gewesen. Ebenso wie eine Förderung der schwachen Schüler: An zwei Stunden pro Woche kümmern die Lehrer sich nur um jene, die im Unterricht nicht mitkommen. Unterstützt werden sie dabei von einer Sozialpädagogin und einer Psychologin.

Tests entscheiden über die Zukunft – von Schülern und Schule

Also ein Wandel von sozialistischer Strenge zur Wohlfühlpädagogik? Nicht ganz. Denn bei aller Förderung hat sich das Bildungsministerium auch ein Instrument des Forderns ausgedacht. Es heißt „Nationaler Vergleichstest“ und prüft zweimal im Schülerleben das Erlernte ab. Je am Ende der Grundschule und des Gymnasiums schreiben alle Schüler eines Jahrgangs einen standardisierten Test: erst in Mathematik, Polnisch und Naturkunde, später auch in Englisch und Geisteswissenschaften. Die Ergebnisse sind entscheidend für die Zukunft der Schüler – und der Schule.

Schon Wochen vor der Prüfung sieht Iwona Rydlewska die Nervosität in den Augen ihrer Schüler. Plötzlich werde es in den Klassen stiller, sagt die Direktorin der 112. Schule, kaum jemand plappere mehr im Unterricht. „Kein Wunder“, meint Rydlewska, „diese Prüfung ist wichtiger als das Abitur.“ Nur wer bei den landesweiten Vergleichstests gut abschneidet, kann sich das beste Lyzeum aussuchen. Und ein gutes Lyzeum ist fast schon eine Garantie für ein gutes Abitur. Womit wiederum der erhoffte Studienplatz fast schon sicher wäre.

Im September beginnen in der 112. Schule deshalb die Vorbereitungen für die Tests, die im April stattfinden. Kurz vor den Prüfungen werden in anderen Fächern keine Klausuren mehr geschrieben, in den Prüfungsfächern dafür Extrastunden abgehalten. Manche Schüler lernen dann bis zu fünf Stunden täglich neben der Schule. Etwa 60 Prozent der Gymnasiasten nehmen Nachhilfe, in der Hoffnung, in den Tests eine hohe Punktzahl zu erreichen.

„Ich spüre den Druck. Jeder tut das.“

Auch Alicija Jodczyk braucht möglichst viele Punkte, um sich ihren Traum zu erfüllen. Die 15-Jährige möchte einmal Ärztin werden, die optimale Vorbereitung bekäme sie an einem Lyzeum mit naturwissenschaftlichem Profil. Seit Wochen verbringt die Schülerin der 112. Schule ihre freie Zeit deshalb am Schreibtisch und paukt Prüfungsstoff. Selbst ihre Eltern machen sich mittlerweile Sorgen: So viel Stress sei nicht gut für junge Menschen. „Aber es muss sein“, sagt Alicija. „Ich spüre den Druck. Die meisten in der Klasse tun das.“

Kein Wunder also, dass die Polen trotz der Erfolge ihre neue Bildungswelt skeptisch sehen. In einer Umfrage aus dem Jahr 2009 nannten 48 Prozent die Reformen „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Sie hätten zu einer Ökonomisierung des Einzelnen geführt, die psychischen Folgen seien enorm. Der Erfolg hat seinen Preis: Polnische Schüler zählen nicht nur zu den schlausten, sondern laut einer Unicef-Studie auch zu den unglücklichsten der Welt.

Muss sich die polnische Gesellschaft also entscheiden, ob sie erfolgreiche Kinder möchte oder glückliche? Oder kann man Erfolg mit Glück kombinieren? Und wenn ja – was wäre die richtige Mischung? Das sind Fragen, mit denen jede wohlhabende Gesellschaft und ihre Bürger irgendwann konfrontiert werden. Die Antwort des polnischen Bildungssystems auf diese Fragen steht noch aus.

Nur eines ist sicher: Mit der Einführung des westlichen Schulmodells haben die Polen auch dessen Probleme eingeführt. Dabei geht es nicht nur um berühmt-berüchtigte Prüfungshöllen wie den französischen Concours, für den sich Frankreichs Schüler durch zweijährige Vorbereitungskurse quälen, um einen Platz an einer berühmten Grande École zu ergattern. Auch in England wurden die Schulen in den vergangenen Jahren mit nationalen Vergleichstests und Zielvorgaben geradezu überschwemmt. Während die Regierung diese Tests als Steuerungsinstrument lobt, warnen Mediziner und Lehrer vor dem Druck. So registrieren Ärzteverbände einen starken Anstieg an Schülern, die wegen Examensstress behandelt werden müssen. Und 77 Prozent der englischen Pädagogen beklagen in einer Umfrage des YouGov-Instituts den schlechten Einfluss der Regierung auf die Bildungspolitik. Dauernder Examensstress und Aufgaben wie das Ausfüllen von Evaluierungsbögen ließen keinen Raum mehr, den Schülern Werte zu vermitteln.

„Sanfter Leistungsdruck“

Auch die polnischen Lehrer leiden unter Stress und Versagensängsten. „Wenn meine Klasse schlecht abschneidet, bin ich verantwortlich“, sagt Andrzej Koszewski. „Natürlich mache ich mir da Sorgen.“ Denn die Ergebnisse der Prüfungen – aufgeschlüsselt nach Schulen – sind öffentlich zugänglich. Schneidet ein Gymnasium schlecht ab, gehen die Anmeldungen zurück, die Lokalverwaltung kann sogar die Finanzen kürzen. Eine gute Schule hofft dagegen auf Förderung.

„Sanften Leistungsdruck“ nennt Maciej Jakubowski diese Art der Öffentlichkeit. Jakubowski war von 2012 bis 2014 stellvertretender Bildungsminister. Die guten Pisa-Ergebnisse, sagt Jakubowski, seien vor allem ein Zeichen dafür, dass sich die Qualität des Unterrichts in Polen enorm verbessert habe – auch dank der Vergleichstests. „Dass die Ergebnisse öffentlich sind, fördert den Wettbewerb zwischen den Schulen“, so Jakubowski.

Tatsächlich deuten Studien darauf hin, dass regelmäßige, unabhängige Prüfungen von Schülern und Schulen zu einer höheren Lehrqualität führen können.

Der Mathelehrer Andrzej Koszewski merkt das an seinem eigenen Unterricht. „Jedes Jahr sehe ich mir die Ergebnisse der Tests an: Welche Aufgaben haben den Schülern Probleme gemacht?“ Diese Themen nimmt er mit dem nächsten Jahrgang gezielt durch – die Freiheit des Curriculums macht es möglich. „Wir Lehrer sind nun gezwungen, uns Strategien zu überlegen“, sagt Koszewski. Früher sei er zu seinen Schülern eher wie ein strenger Vater gewesen – nun bemühe er sich, als Mentor zu agieren. Direktorin Iwona Rydlewska bestätigt das. „Die Lehrer müssen sich nun besser vorbereiten“, sagt Rydlewska. „Sie sind motivierter.“

Auch Bildungsexperten beobachten einen Wandel. „Als die Reformen begannen, ging ein Ruck durch die Gesellschaft“, sagt Michael Federowicz, Direktor des polnischen Instituts für Bildungsforschung. „Seitdem sind die Schüler in Aufruhr.“ Und auch die Einstellung der Eltern änderte sich. Die Polen haben aus den kargen Jahren nach der Sowjetzeit gelernt: In den Anfängen der Marktwirtschaft waren Jobs rar, nur wer einen Universitätsabschluss vorweisen konnte, hatte Chancen. Bildung, zumal akademische, bekam endlich einen Stellenwert. „Heute will jeder, dass seine Kinder studieren“, sagt Maciej Jakubowski.

Die Folge: Eltern kutschieren ihre Kinder durch die ganze Stadt, nur um sie an einer erfolgreichen Schule zu platzieren. Auch da stehen die Polen ihren westlichen Nachbarn also in nichts mehr nach.

Erschienen in DIE ZEIT

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