Aufs Kreuz spucken

Früher kamen um diese Zeit Touristen nach Bethlehem. Jetzt fühlen sich nicht einmal Christen sicher dort.

Es war der Beginn der Feiertage, sollte der Anfang der besinnlichen Zeit sein. Tausende hatten sich am 6. Dezember auf dem Krippenplatz unweit Bethlehems Altstadt versammelt, um zuzusehen, wie der Christbaum erleuchtet wird. Jedes Jahr treffen sie sich hier und zählen die Sekunden herunter, bis die Kugeln zu blinken beginnen. Sie sind in diesem Jahr rot, grün, weiß und schwarz. Die Nationalfarben Palästinas.

Samiah, 48 Jahre alt, dunkles, welliges Haar, Schatten unter den braunen Augen, hatte an diesem Abend einen kleinen Stand aufgebaut. Seit sieben Jahren verkauft sie an den Weihnachtstagen christliche Devotionalien: Weihnachtsbroschen, Holzkreuze, die mit dem Vaterunser beschrieben sind, auf Deutsch, Polnisch, Italienisch. Nach dem Feuerwerk wartete Samiah auf Kundschaft, als einige jugendliche Palästinenser an ihren Stand traten. Die jungen Männer sahen erst Samiah an, dann ihre Waren. Einer griff sich ein Holzkreuz, prüfte es kritisch. Dann spuckte er darauf. „Scheiß Jesus“, rief der Teenager, und noch ein paar Flüche, die Samiah nicht wiederholen mag. „Wir sind so etwas gewohnt“, sagt sie. Sie zuckt mit den Achseln und widmet sich einer Touristin, die eines der Kreuze in den Händen dreht.

Bethlehem liegt im palästinensischen Westjordanland, die Christen sind hier in der Minderheit und daher in Bedrängnis, und das seit Langem. Doch nie waren sie derart in Sorge wie in diesem Jahr. Wie alle Palästinenser leiden sie unter der israelischen Besatzung. Gleichzeitig steigt ihre Furcht vor muslimischen Extremisten in der Region.

Bethlehem gilt als die Wiege des Christentums – im wahrsten Sinne des Wortes. Hier steht die Geburtskirche, errichtet über dem Ort, an dem Jesus geboren worden sein soll. Einige Straßen weiter liegt die Milchgrotte, wo die Heilige Familie der Überlieferung zufolge gelebt hat, bevor sie nach Ägypten floh.

Noch 1947 waren etwa 80 Prozent der Bewohner Bethlehems Christen. Mit der Gründung Israels und dem anschließenden Krieg 1948 erreichte ein Flüchtlingsstrom das Westjordanland. Viele Vertriebene – die meisten von ihnen Muslime – ließen sich in Bethlehem nieder, auch auf Land, das Christen gehörte. Die Bevölkerungsstruktur begann sich zu verändern. 1997 waren nur noch knapp 50 Prozent der Bevölkerung Christen.

Die bislang schwerste Zeit erlebten die Christen während der zweiten Intifada, die 2000 begann. Militante Palästinenser nutzten Beit Dschala – einen christlichen Nachbarort von Bethlehem – als Basis. Sie stiegen auf die Hausdächer von Christen, um von dort aus auf die Siedlungen in der Nähe zu feuern. 2002 verschanzte sich eine Gruppe Palästinenser wochenlang in der Geburtskirche. Die Christen litten doppelt: Einerseits wurde ihr Eigentum beschädigt, andererseits brach der Tourismus ein, von dem viele von ihnen lebten. Vor der Intifada hatten rund 2.000 Touristenbusse monatlich in Bethlehem haltgemacht. In der Hochphase waren es gerade noch elf pro Monat. Bis zum Jahr 2004 verließen mehr als 350 Familien – zehn Prozent der christlichen Bevölkerung – die Gegend in und um Bethlehem.

Weihnachtsdekoration in Bethlehem

Sternförmig gehen die Altstadtgassen vom Hauptplatz ab. Die Schaufenster der Geschäfte, meist in christlicher Hand, sind ein einziges Krippenspiel. Holzfiguren reihen sich aneinander: Jesus, Maria, das Kreuz – alles handgefertigt aus Olivenholz. Bittet man die Ladenbesitzer um ein Gespräch, zucken sie zusammen. Soll das veröffentlicht werden? Auch noch mit Namen? Aus Rücksicht auf diese Sorgen wurden in dem Text alle Nachnamen weggelassen. Die einen fürchten, Probleme mit ihren muslimischen Nachbarn zu bekommen, die anderen sorgen sich, dass ihre Kritik an Israel zu Repressalien führen könnte. Hinter vorgehaltener Hand erzählen sie dann doch: dass bewaffnete Banden von Christen verlangen, ihr Land an Muslime zu übergeben. Von Beleidigungen, Diskriminierung. Davon, dass Anzeigen, die sie bei der Polizei stellen, nicht verfolgt würden. Gleichzeitig fühlen sie sich isoliert in Bethlehem, das durch eine Mauer von Israel getrennt ist. Verwandte in Israel, Freunde, das Meer: All das ist nur mit israelischer Erlaubnis erreichbar. „Wissen Sie“, sagt ein Schreiner und klopft auf seine Arbeitsplatte, „wir Christen befinden uns irgendwo zwischen dem Hammer und dem Tisch.“

Damit bezieht er sich auf die israelische Regierung einerseits und die radikalen muslimischen Palästinenser andererseits. Sie bekriegten sich in diesem Jahr erneut. 50 Tage lang dauerte die Operation „Protective Edge“, zu Deutsch etwa „Schutzrand“, mehr als 2100 Palästinenser und mehr als 70 Israelis starben. Noch nie waren in einem Gaza-Krieg so viele Menschen umgekommen. Trotz der vielen Toten erlebt die radikalislamische Hamas seitdem einen Popularitätsschub. Seit 2007 herrscht die Partei in Gaza, während die Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas für das Westjordanland zuständig ist. Im Sommer 2014 gründeten beide Fraktionen eine Einheitsregierung, aber die bestand vor allem auf dem Papier. Mit jedem Tag des Gaza-Krieges sank Abbas‘ Beliebtheit, während die von Hamas stieg. Einer Umfrage des Palästinensischen Zentrums für Politik- und Meinungsforschung zufolge unterstützt nur noch ein Drittel der Palästinenser Abbas. Die meisten finden ihn zu schwach, die palästinensische Sache durchzusetzen.Für die Christen ist das eine schlechte Nachricht. Denn in der Palästinensischen Autonomiebehörde, die von Fatah regiert wird, spielen sie politisch noch eine Rolle. So muss beispielsweise der Bürgermeister von Bethlehem per Gesetz Christ sein. Die wenigen verbliebenen Christen in Gaza, wo Hamas an der Macht ist, sind hingegen vom Staatsdienst quasi ausgeschlossen. Sie leben unter der Herrschaft der radikalen Islamisten – die auch im Westjordanland an Boden gewinnen. „Ein schwacher Abbas ist uns immer noch lieber als Hamas“, sagt Nadja, eine Palästinenserin, die einen kleinen Souvenirladen betreibt. Sie trägt die Haare blondiert und hohe Stiefel zu einem kurzen Rock. „Glauben Sie, ich könnte noch so rumlaufen, wenn Hamas hier herrscht?“ Sie zieht an ihrer Zigarette. „Wenn das passiert, bin ich die Erste, die auswandert.“ Etwas mehr als 30.000 Christen leben noch in den drei Orten Bethlehem, Beit Dschala und Beit Sahur – knapp 15 Prozent der Einwohner. Der Rest ist ausgewandert.

Nadjas Geschäft laufe seit Jahren schleppend, sagt sie: „Es kommen immer weniger Touristen.“ Selbst der Besuch des Papstes im Frühjahr brachte keine Wende. Die wenigen, die überhaupt noch kommen, bleiben nur selten lange. Noch immer verbinden viele Touristen das Westjordanland, und damit auch Bethlehem, mit Kampf und Gefahr. Reisebusse bringen die Pilger bis kurz vor die Geburtskirche. Nach dem Gebet verschwinden sie wieder – zurück ins vermeintlich sichere Israel. Zu wenige übernachten in der Stadt, klagen Tourismusexperten. Die Arbeitslosigkeit in Bethlehem ist mit 26 Prozent eine der höchsten im Westjordanland.

Nicht nur der Aufstieg von Hamas und das Ausbleiben der Touristen machen den Christen Sorgen. Bekümmert blicken sie seit dem Sommer nach Norden, wo der „Islamische Staat“, kurz IS, ein Kalifat errichten will. Die Christen aus dem Irak hat der IS schon vertrieben. Über das Internet landet ihre Ideologie auch bei den Palästinensern. Sie trifft auf große Frustration – und damit auf fruchtbaren Boden.

„Der IS ist keine Organisation“, sagt der Journalist Samir Kumsieh. „Der IS ist ein Gedanke.“ Jeder verbitterte Jugendliche könne mit dem IS sympathisieren und den „Ungläubigen“ in der Region etwas antun. Die Juden sind jenseits der Mauer. Die Christen dagegen leben mitten zwischen den Muslimen.

Dem 65-jährigen Kumsieh gehört ein kleiner christlicher Fernsehsender in Bethlehem, der Predigten, aber auch Nachrichten aus dem Westjordanland sendet. Kumsieh ist ein gläubiger Mann. Überall in seinem Büro sind Jesus- und Madonnenbilder verteilt: Auf dem Deckel seines Scanners klebt ein Bild der Heiligen Familie, an seinem Schlüsselanhänger baumelt eine silberne Madonna. Wie er lebt, lässt vor allem die Kamera erahnen, die am Eingang des Gebäudes jedes Geschehen verfolgt.

Kumsieh hat sich lange geweigert, Kameras und Sicherheitszäune um sein Anwesen zu errichten. Bis eines Nachts zwei Molotowcocktails auf seine Autos geworfen wurden. Seitdem schaut er sich um, wenn er durch die Straßen geht. „Vorsicht ist Teil meines Lebens geworden“, sagt er. „Angst nicht.“

Kumsieh setzt sich wie kein Zweiter in Bethlehem für die palästinensischen Christen ein. Wird einer von ihnen in Bethlehem diskriminiert, wendet er sich an Kumsieh. Der schreibt Brandbriefe an Politiker und Organisationen. Meistens, sagt er, geschehe nichts. Dennoch sammelt er seit Jahren Zeitungsartikel jedes einzelnen Vorfalls: über christliche Mädchen, die verschleppt werden, Christen, die eingeschüchtert oder bedroht werden. Der Stapel ist dick.

Kumsieh hat auch die Daten zur Lage der Christen zusammengefasst, er weiß sie auswendig. Alleine den Ort Beit Sahur hätten in den vergangenen Monaten 150 Christen verlassen.

Kumsieh erzählt von Provokationen und Rassismus – mehr oder minder versteckt. Vor einigen Jahren tauchten in Bethlehem beispielsweise T-Shirts mit Bildern der Geburtskirche auf, nur dass jemand das Turmkreuz aus der Abbildung entfernt hatte. Ein Affront, sagt Kumsieh. „Christen haben keine Zukunft in diesem Land. Wir verschwinden.“ Er seufzt. „Irgendwann werden die Kirchen nur noch Museen sein.“

Samiah, die Besitzerin des Weihnachtsstandes, will das nicht hinnehmen. „Die Christen müssen hierbleiben“, sagt sie. „Hier ist Jesus geboren, das ist unser Zuhause.“

Ihr Sohn wollte kürzlich nach Russland auswandern. Samiah hat es ihm verboten.