Oras Baby

Die 50-jährige Ora Mor-Josef aus Israel ist vom Hals abwärts gelähmt – und wünscht sich ein Kind. Ein Freund spendet Samen. Eine Verwandte trägt das Kind aus. Der Staat nimmt es ihr weg. Die Geschichte eines ethischen Dilemmas

Wie weit darf eine Frau gehen, um Mutter zu werden? Ora Mor-Josef hat alles, was derzeit menschenmöglich ist, versucht. Sie hat Ärzte und Gerichte angerufen, hat Schmerzen und Scham ertragen. Nun, so glaubt sie, bleibt ihr nur noch eine Option:  Sie will den israelischen Staat verklagen. Vor einem internationalen Gericht.

Denn der Staat verhindert, dass Ora Mor-Josef Mutter sein darf. Zum Wohl des Kindes, sagen die Gerichte. Eine Ungerechtigkeit, sagt Ora Mor-Josef.

Die 50-Jährige leidet unter Muskelschwund, seit ihrem zehnten Lebensjahr sitzt sie im Rollstuhl. Der größte Teil ihres Körpers ist gelähmt, sie kann nur ihr Gesicht und die Hände bewegen. Sie kann nicht Auto fahren und keinen Sport treiben, kann ihren Frühstückstee nicht selbst aufbrühen und muss sich jeden Morgen von einer Haushaltshilfe schminken lassen.

Wenn Ora Mor-Josef in den Spiegel blickt, sieht sie einen Rollstuhl, darin eine unbewegliche, zerbrechliche Person. Aber sie sieht auch – eine Frau. Und diese Frau kann nicht akzeptieren, dass ihre Behinderung etwas verhindern soll, dass die Natur in ihr angelegt hat: den Wunsch nach einem Kind.

Im Jahr 2002 hört Ora Mor-Josef zum ersten Mal von künstlicher Befruchtung, es muss im Fernsehen gewesen sein, sagt sie, denn Lesen fällt ihr schwer. Sie ist damals 36 Jahre alt und hatte noch nie eine Beziehung zu einem Mann. In der modernen Medizin erkennt sie eine Möglichkeit, den eigenen Körper zu überwinden und Mutter zu werden.

Zunächst hofft sie, ein Kind selbst austragen zu können. Zehn israelische Ärzte sucht sie in den nächsten acht Jahren auf, alle zehn lehnen eine Behandlung ab. Doch der elfte Arzt macht ihr Mut. Nach einigen Untersuchungen hält er es für möglich, dass das Kind bis zum 7. Monat in Ora Mor-Josefs Gebärmutter wachsen könnte. Danach müsste es in den Brutkasten. Ora Mor-Josef stimmt sofort zu – wohl wissend, dass das Kind vielleicht nicht überleben wird. So sehr wünscht sie es sich.

Ora Mor-Josef hat feine Gesichtszüge, sie trägt ein goldenes Fußkettchen und die Haare sind ordentlich gestuft. Ihr Körper ist schmal, ebenso ihre Beine, ihr Brustbereich ist knochig und gestaucht. Wenn sie lacht, schnellen ihre Mundwinkel nach oben, und es bilden sich kleine Fältchen in den Augenwinkeln. Ansonsten bleibt ihr Körper reglos. Selbst den Kopf zu drehen ist ihr unmöglich. Den Rollstuhl manövriert sie mit Mittel- und Zeigefinder ihrer rechten Hand.

Sie lebt in Dimona, einer Stadt im Süden Israels. Ihr Haus liegt am Ende einer Siedlung aus sandsteinfarbenen, einstöckigen Häusern. Eine Kreuzung weiter beginnt die Negev-Wüste. Ora Mor-Josef teilt das Leben in ihrer Wohnung mit vielen Menschen, jeden Tag. Zwei philippinische Pflegerinnen kümmern sich rund um die Uhr um sie. Für die Kosten kommt Ora Mor-Josefs Krankenkasse auf. Davon abgesehen, ist sie so selbstbestimmt, wie es ein gelähmter Mensch sein kann: Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie gearbeitet. Sie war Sekretärin in einer Nachmittagsschule, wo sie mithilfe einer speziellen Tastatur beim Briefverkehr half. Wenn sie Zeit hatte, blickte sie den Kindern über die Schulter, die ihre Hausaufgaben erledigten. Als die Lähmungen stärker, die linke Hand immer unbeweglicher wurde, gab Mor-Josef ihren Job auf. Inzwischen hatte sie ein bisschen Geld angespart. Und sie hat eine Familie, die ihr zur Seite steht: eine Mutter, sechs Brüder und Schwestern. Zwei von ihnen tragen die gleiche genetische Veranlagung wie sie selbst, sitzen ebenfalls im Rollstuhl. Die anderen vier kamen gesund zur Welt. Die Bilder ihrer Kinder hängen über Mor-Josefs Schreibtisch.

Sie kann ihre Nichten und Neffen zwar nicht in den Arm nehmen. Aber sie kann sie loben und tadeln, trösten und mit ihnen schimpfen. Wenn sie mit ihrem Rollstuhl nah an sie heranfährt, kann sie die dunklen Locken ihres Großneffen berühren, der gerade gelernt hat zu laufen. Sie könnte ihr eigenes Kind zwar nicht selbst versorgen, das müssten ihre Hilfskräfte übernehmen. Aber sie könnte ihm vorsingen, es zur Schule bringen und nachts neben ihm wachen. „Ich wäre doch nicht die erste behinderte Mutter auf der Welt“, sagt Ora Mor-Josef.

Im Frühjahr 2010 werden ihr Eizellen entnommen. Ohne Sedierung – dafür ist ihr Körper zu schwach. Die Hoffnung, sagt sie, sei stärker gewesen als die Schmerzen. Über eine Facebook-Gruppe, die sich auf „unkonventionelle Familienmodelle“ spezialisiert hat, findet Mor-Josef einen Samenspender. Doch kurz vor dem In-vitro-Eingriff zieht die Klinik in Israel die Zusage zurück. Zu groß ist ihnen das Risiko für Mutter und Kind. Nun kommt nur noch eine Leihmutterschaft in Frage.

Früh hat Ora Mor-Josef ihre Familie in ihre Pläne eingeweiht. Die Verwandten sorgen sich, aber niemand will ihr den Wunsch ausreden. In Israel sind Familien oft kinderreiche, stabile Gemeinschaften, ihre Mutter und einige Schwestern leben in der Nachbarschaft. Sie unterstützen Oras Wunsch – solange er ihre Gesundheit nicht gefährdet. Als sie von der Entscheidung der Klinik hören, fassen sie gemeinsam einen Entschluss: Ein weibliches Mitglied der Familie soll das Kind für Ora Mor-Josef austragen. Wer genau die Leihmutter ist, darüber schweigt sie, um die Persönlichkeit der Frau zu schützen. Nur so viel: Ora Mor-Josef und die Leihmutter sind eng verwandt. Falls das Kind tatsächlich geboren wird, so denken die Frauen der Familie, dann werden wir es gemeinsam großziehen.

In Israel ist eine Leihmutterschaft für Alleinerziehende verboten. Darum lässt Ora Mor-Josef ihre Eizellen über eine Agentur in die USA bringen, wohin auch ihre Verwandte fliegt. Doch die In-vitro-Fertilisation in einer kalifornischen Klinik gelingt nicht. Ein zweiter Versuch ist nicht mehr möglich: Ora Mor-Josef ist inzwischen Mitte 40. Die Menopause hat eingesetzt, die Chance, dass ihrem Körper erneut Eizellen entnommen werden können, schwindet. Sie hat den Wettlauf gegen sich selbst verloren.

Der Kinderwunsch ist mit der Fruchtbarkeit aber nicht verschwunden. Jahrelang tat Ora Mor-Josef alles dafür, sich über ihren Körper hinwegzusetzen. Ihre Behinderung war ihr kein Hindernis. Nun soll es auch die Biologie nicht sein.

Tagelang surft sie im Sommer 2011 im Internet. Auf einer Webseite klickt sie sich durch die Porträts von Frauen, die sich dort als Eizellspenderinnen anbieten. Sie sucht nach einem Gesicht, das ihrem ähnlich sieht: Sommersprossen, schmale Nase. Eine Frau aus Südafrika, so beschließt es Ora Mor-Josef schließlich, soll die biologische Mutter ihres Kindes werden. Ein Bekannter aus Israel erklärt sich bereit, den Samen zu spenden.

Im Frühjahr setzt sich die Leihmutter erneut in ein Flugzeug, diesmal nach Indien. Eizellen und Samen werden per Post in eine indische Klinik geschickt. Dort findet die Befruchtung statt. 15.000 Euro kosten die Behandlung, der Flug, die Übernachtungen. Nach einigen Tagen kehrt die Leihmutter zurück. Dann steht sie bei Mor-Josef in der Tür und sagt: „Ich bin schwanger.“ Schwanger mit Oras Baby.

Für ihren Traum von einem Kind hat Ora Mor-Josef die Grenzen von Ethik und Medizin gedehnt. Denn das Kind, das im Bauch der Leihmutter heranwuchs, ist genetisch gesehen nicht ihres. Biologisch ist es die Tochter eines israelischen Mannes und einer südafrikanischen Frau, die einander noch nie begegnet sind, ausgetragen von einer Frau, die sie wiederum nicht kennen.

Niemand, nicht die Leihmutter, nicht Mor-Josef selbst, weiß damals, dass diese Art des Kinderkriegens in Israel rechtlich problematisch ist. Um hier ein Kind registrieren zu lassen, muss mindestens einer der eingetragenen Eltern mit dem Baby verwandt sein. Ora Mor-Josef hat das schlicht nicht bedacht, sich nicht ausreichend informiert. „In Indien war alles legal“, sagt sie. „Warum sollte es das in Israel nicht sein?“

Im Glauben, alles richtig gemacht zu haben, teilt sie noch während der Schwangerschaft den Behörden mit, dass ihr bald ein Kind geboren wird. Das Sozialministerium ist alarmiert. Denn dass Ora Mor-Josef Anspruch auf das Baby anmeldet, macht sie juristisch gesehen nicht zu dessen Mutter.

Das Sozialministerium in Jerusalem ist ein Ort mit hellen Fluren und auffallend vielen Sicherheitstüren. Am Ende eines Ganges im sechsten Stock sitzt jene Frau, die über das Wohlergehen von hunderten Kindern in Israel entscheidet. In ihrem Büro hängen Kinderzeichnungen, der Blick aus dem Fenster zeigt Baukräne und die Hügel Jerusalems. Orna Hirschfeld, eine elegante Frau mit Kurzhaarschnitt, ist die Leiterin der Abteilung für Adoptionsfälle. Seit drei Jahren ist sie mit dem Fall der behinderten Ora Mor-Josef betraut.

Als Hirschfeld das erste Mal von den Plänen der gelähmten Frau hörte, stutzte sie. Wie konnte eine unfruchtbare Frau plötzlich Mutter werden? Woher stammte dieses Kind? Und wer würde sich darum kümmern? Je mehr sie über den Fall herausfand, desto unwohler wurde ihr. „Es ist schrecklich, wenn eine Frau nicht Mutter werden kann“, sagt sie. „Aber ein Kind ist nicht dazu da, die Wünsche der Erwachsenen zu erfüllen.“ Es habe ein Recht auf genetische Eltern, Wurzeln und ein möglichst geregeltes Leben – ohne juristische Streitereien. Stattdessen wachse da ein Baby heran, das es juristisch und biologisch gar nicht geben dürfe.

Die Angelegenheit ist für das Ministerium heikel: Niemand hier will sich dem Vorwurf der Diskriminierung aussetzen. Offiziell stößt man sich hier deshalb nur an der Art, wie das Kind gezeugt wurde. Oras Krankheit soll bei Beurteilung des Falls keine Rolle gespielt haben. Doch wie hätte eine Behinderte mit Kinderwunsch denn sonst ein Baby bekommen sollen? „Das Recht auf Mutterschaft hat Grenzen“, sagt Hirschfeld.

Während das Kind im Bauch der Leihmutter wächst, bestellt Hirschfeld Ora Mor-Josef zu einem Termin ins Ministerium. Ora Mor-Josef erscheint nicht. Weil sie nicht konnte, sagt Mor-Josef. Weil sie nicht wollte, sagt Orna Hirschfeld.

Ora Mor-Josef ist in dieser Zeit mit der Schwangerschaft beschäftigt – ganz so, als sei es ihre eigene. Beim Ultraschall-Termin sitzt sie am Kopfende, der Arzt zeigt auf das Kind und sagt: Sehen Sie, es wird ein Mädchen. Ora Mor-Josef will sie Netanella nennen.

An einem Montag im Winter 2013, um eine Minute nach Mitternacht, klingelt Ora Mor-Josefs Handy. Ihre Schwester meldet sich: Die Wehen seien bei der Leihmutter eingetreten. Mor-Josef betet. Um 7 Uhr bekommt sie einen weiteren Anruf, diesmal aus dem Kreißsaal. Erst hört sie nur das Stöhnen der Gebärenden, dann, plötzlich, schreit ein Baby. Mor-Josef zündet eine Kerze an für das Kind, dann weint sie vor Freude. „Ich bin Mutter“, denkt sie. Am Mittag lässt sie sich von ihrer Pflegerin ins Einkaufszentrum fahren, kauft einen pinkfarbenen Strampler und eine warme Wolldecke. Es ist kalt an diesem Januartag, so kalt, dass man kaum die Finger krümmen kann. Ihr Mädchen soll nicht frieren, wenn es nach Hause kommt.

Doch auf dem Weg ins Krankenhaus erhält Ora Mor-Josef einen dritten Anruf. Da seien Leute auf den Fluren, sagt Mor-Josefs Schwester. Man habe der Leihmutter das Kind abgenommen – jetzt lasse man sie nicht mehr zu dem Baby. Sie wisse nicht einmal, wohin es verlegt worden ist.

Orna Hirschfeld, die Leiterin der Adoptionsbehörde, hat an diesem Tag das Kind persönlich in Gewahrsam genommen. Zwei Stunden lang ist sie dafür von Jerusalem nach Dimona gefahren. Die offizielle Version des Ministerium lautet: Die Zeugung des Kindes sei illegal gewesen, Mor-Josef habe aus ihm eine Ware gemacht. Nun habe man das Kind vor den juristischen Folgen, den kommenden Prozessen schützen wollen. Noch am selben Tag erwirkt Hirschfeld einen Gerichtsbeschluss: Das Baby wird in einer Pflegefamilie untergebracht. Bei Menschen, die ebenso wenig Blutsverwandte sind, wie Ora Mor-Josef es ist.

Die irrt in der Zwischenzeit durch die Flure der Klinik. Hält jeden Wachmann, jede Schwester an: Haben Sie mein Kind gesehen? Wissen Sie, wo es liegt? Schließlich erscheint die Sozialarbeiterin des Hospitals, erklärt, dass der Staat das Kind in seine Obhut genommen habe. Ora Mor-Josef darf ihr noch den Strampler geben und die Decke, dann muss sie das Krankenhaus verlassen.

Ganz oben in der Schrankwand, zwischen Decken und Bettwäsche, bewahrt Ora Mor-Josef heute ein Fotoalbum auf, so wie es viele Mütter für ihre Kinder anfertigen. Es ist mintgrün und foliert. Darin: das Ultraschallbild, 12. September 2012, 11,8 Zentimeter war das Kind damals groß. Dazu das Armbändchen des Babys, schwarze Buchstaben auf blauem Grund. Und einige Fotos, die direkt nach der Geburt geschossen wurden. Fünf Seiten hat Ora Mor-Josef mit Bildern gefüllt, der Rest des Albums ist leer. Das Kind, das einmal ihre Tochter werden sollte, sie hat es bis heute nicht gesehen.

Wie weit darf eine Frau gehen, um Mutter zu werden? Ora Mor-Josef klagt bis vor Israels Oberstes Gericht. Die Richter kommen im Juli 2014 zu dem Schluss: Zwischen Mor-Josef und dem Baby besteht keine Verbindung, die sie als Mutter und Kind erkennen lassen. Deshalb darf sie das Baby nicht zu sich nehmen.

Ora Mor-Josefs Anwalt Schmuel Moran sieht auch einen anderen Grund. „Wenn Sie mich fragen: Im Hinterkopf war allen klar, dass es auch um ihre Behinderung geht“, sagt er. „Ihr Zustand war wie eine Wolke, die über dem Prozess schwebte.“ Das zuständige Ministerium hingegen besteht darauf, dass die Krankheit bei dem Urteil keine Rolle gespielt hat.

Juristisch gibt es nur eine Möglichkeit, wie Ora Mor-Josef und das Baby doch noch eine Familie werden können: durch Adoption. Doch diese Option wird nicht einmal erwogen – auch deshalb, weil Ora Mor-Josefs Behinderung einfach zu stark ist. „Ich denke, kein israelisches Gericht würde sie als Mutter wählen“, sagt ihr Anwalt.

Das Recht auf Elternschaft ist in der Behindertenrechtskonvention der UN verankert. Aber was, wenn jemand zu krank ist, um selbst ein Kind zu bekommen, sich aber trotzdem eines wünscht? Ora Mor-Josef hat sich das Kind wie mit einem Baukasten zusammengestellt – anders war ihr das Kinderkriegen nicht möglich. Orna Hirschfeld, die Leiterin der Adoptionsbehörde, findet das Verhalten der behinderten Mutter schlicht egoistisch. „Das Wohl des Kindes spielte überhaupt keine Rolle“, sagt sie.  Doch ist nicht jeder Kinderwunsch im Grunde egoistisch? Kann man von einer behinderten Frau verlangen, aus Selbstlosigkeit auf Nachwuchs zu verzichten?

Die Ärzte hätten ihr noch viele Jahre Lebenszeit vorausgesagt, sagt Ora Mor-Josef. Anders als berufstätige Mütter könne sie rund um die Uhr für das Kind da sein. Wo andere Frauen Tagesmütter in Anspruch nähmen, hätte sie ihre Pflegekräfte. „Ich bin nicht schlechter als andere Mütter“, sagt sie. „Auch eine Behinderte kann einen glücklichen Menschen heranziehen.“

Seit das Kind auf der Welt ist, aber nicht bei ihr, verbringt Ora Mor-Josef noch mehr Zeit im Internet. Auf ihrer Facebook-Seite dokumentiert sie den Kampf um das Baby, schreibt ihm öffentliche Briefe. Aus Mangel an juristischen Möglichkeiten führt sie nun eine Kampagne gegen das Sozialministerium. Sie zeltet vor dem Gebäude, prangert Orna Hirschfeld, die Leiterin der Adoptionsbehörde, auf Postern öffentlich und persönlich an: Diese Frau hat mir mein Kind gestohlen.

Ihr Leben sei traurig geworden, sagt Ora Mor-Josef. Sie weint nicht, wenn sie über das Baby spricht, aber manchmal wird ihre Stimme so dünn, als koste jedes Wort sie Kraft. Könnte diese Frau ein tobendes Kleinkind bändigen? Oder sollte es nur die Stille füllen, die über dem Haus liegt wie über einer Krankenstation?

Andererseits:  Viele Frauen bekommen Kinder, obwohl sie eigentlich nicht in der Lage sind, sie zu versorgen. Sollen denn nur gesunde, gut ausgebildete Frauen Mutter werden können?

Ora Mor-Josef weiß im Grunde, dass kein Gericht der Welt ihr das Baby noch zusprechen kann, denn weder biologisch noch rechtlich ist sie dessen Mutter.  Doch sie kann nicht aufgeben. Sich nicht eingestehen, dass die Behinderung, die Justiz stärker waren als ihr Wille.

Auf ihrem Bett liegt ein noch immer eingepackter Stoffbär, den sie ihrer Tochter einmal kaufte. Er hält ein rosa Herz im Arm mit der Aufschrift: It’s a girl. Sie will ihn dem Kind schenken, wenn es wieder bei ihr ist. Das Mädchen ist jetzt drei Jahre alt.

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